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Möwe

Crystal Blue

  • Autorenbild: Prisca Santschi
    Prisca Santschi
  • vor 3 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Traumatisierte Hunde, Seelen, welche nicht behutsam in dieser Welt ankommen durften, Tiere, die nicht in kleinen Schritten wachsen konnten, sondern alles auf einmal, sozusagen «Fadegrad» abbekommen. Und alles, was sie dann am liebsten tun würden, ist sich wieder in die hintersten Ecken der dunklen Keller verkriechen, weil das ihre Welt ist, die sie kennengelernt haben.


Erst kürzlich habe ich ein Video von einem Affen gesehen, der nach Jahrelanger Käfighaltung das erste Mal draussen sein konnte. Pure Überforderung, lieber wieder rein in den dunklen, kalten und schrecklichen, aber vertrauten Keller. Egal wieviel Leckereien draussen auf die Seelen warten, sie sind sich gewohnt alles über sich ergehen zu lassen und das, was jetzt kommt ist viel schlimmer, da neu, da anders, da nicht vertraut. Ich bin sicher, dass es Seelen gibt, die mit ihrem Leben abgeschlossen haben, egal ob das was nun kommt besser wäre – sie haben aufgegeben.

Nicht so bei uns – was für ein Segen!

Vor einer Woche ist sie eingezogen, die zarte Seele mit einem Rucksack voller Themen, welche sie nun aufarbeiten darf. Ich staune nicht schlecht wie mutig sie bereits heute ist. Ihr Radius aus der dunklen Ecke wird grösser. Sie fängt an Dinge wahrzunehmen, liegt nicht mehr nur apathisch da und lässt die Welt über sich ergehen.


Snow, The Lucky Punch

Sie beginnt ihre Umgebung wahr zu nehmen, sie versucht Dinge, die um sie herum passieren einzuordnen.


Blätter, die sich durch den Wind bewegen, Gerüche, welche in ihrer kleinen Nase ankommen, denen sie folgt – koste es was es wolle.


Sie bellt auch mal irgendwas an, was gerade Sinn macht, ob sie selbst wahrnimmt, dass sie bellt, sie hört sich ja nicht?!


Und dann sind da die Spaziergänge, welche ausgedehnter werden, sie will sehen, riechen, stehenbleiben, schauen, wahrnehmen und irgendwann sehe ich ihren wunderschönen Augen an, dass sie müde wird und einfach nur noch schlafen möchte.


Ausdauer kommt nicht von ihrer früheren Zeit – die kommt mit der Zeit, beim Tun.


Es beginnt zu Hause dann das Verarbeiten des soeben erlebten. Nichts aber führt vorbei an der im Flur stehenden Goodie-Box – eines nimmt sie mit, auf dem Weg zu ihrem auserwählten Schlafplatz, legt sich hin und schläft die nächsten Stunden tief und fest.


Ich kann so vieles nicht einordnen, nicht verstehen und mir nicht annähernd ausmalen, was diese zarte Seele bereits auf dem Buckel hat, all die Kerben und Narben in ihrem kleinen Herzen – aber sie ist wach, aufmerksam, mutig und zugewandt. Fremden gegenüber ist sie unglaublich skeptisch, lässt sie links liegen und geht vorbei. Sie möchte nur stehen, sie ansehen und einordnen – nicht anfassen, nicht näherkommen. So gerate ich (ob ich will oder nicht) in das ein und andere Gespräch mit den Mitmenschen, sie Fragen nach, sind interessiert und haben «beduure». Vielleicht ist das meine neue Mission «Menschen in Themen aufzuklären, welche ihnen nicht vertraut gewesen sind…» denn die kristall-blauen-Augen von Snow ziehen die Aufmerksamkeit auf sich «was hast denn du für schöne Augen…» ich muss stehen bleiben, ansonsten müsste ich Snow an der Leine mitziehen und das möchte ich nicht, denn ihr erstes Mal ist mein Weg in meine Achtsamkeit - Zeit haben, sich Zeit nehmen, geniessen und im Moment leben. Das war es, was ich Nacho versprochen hatte…


Anderen Hunden schaut sie gerne aus der Ferne zu, wenn der eine oder andere vorbeischaut, um sie mit einem «Schnauzenstupser» zu begrüssen, freut sie sich und ist zugewandt. Sie liebt Katzen, bei Pferden bleibt sie oft minutenlang stehen und wartet bis sie näherkommen, sie begrüssen sich und dann kann auch Snow weitergehen. Die kleine Wasserratte geniesst das kühle Nass, ob draussen am Bach oder im Privaten Hauseigenen Pool. Was auch immer vor uns steht, ich bin mittlerweile überzeugt davon, dass Snow diesen Weg gehen will. Ihre Seele hat die Chance zu heilen, zu wachsen – sie gibt sich eine 2te Chance und dafür bin ich ihr unglaublich dankbar.


Ich selbst suche sie noch, meine neue Rolle, klar aber ist – ich bin definitiv Team Snow! Der Rest ist Zukunft, Gegenwart und irgendwann Vergangenheit. Ich möchte mich nützlich machen, aufklären, vorantreiben und dem grauenhaften Umgang mit Lebewesen endlich den Garaus machen. Wie kann es sein, dass wir im Jahr 2026 angekommen sind, aber diesbezüglich weiterhin gravierende Rückschritte machen. Wie können wir Tierzucht unterstützen, wenn dem Tier ein Lebenslanger Leidensweg bevorsteht. Wie können wir tausende von Franken für ein Lebewesen verlangen, welches Qualen erleiden müssen – wie kann es sein, dass wir hierfür noch immer keine Gesetze haben.


Tierschutz geht uns alle an! Es geht nicht nur um Hunde, welche dasselbe Schicksal teilen wie Snow. Solange wir nicht versuchen zu verstehen, dass Lebewesen Seelen haben, diesen mit Respekt begegnen, werden wir an diesem Teil der Welt nichts verändern – zumindest nichts Gutes. Wie gesagt, ich suche die mir zugetragene neue Rolle noch. Denn was ich mit Sicherheit verhindern will, ist anprangern und Fingerpointen – das haben viele vor mir schon getan, im Tun liegt auch da die Goldene Münze begraben.


Entsprechend freue ich mich diesen einen Tropfen auf den Stein aufgenommen zu haben, Verantwortung zu zeigen und nachzudenken – bevor ich weitere Schritte gehe.



Zurück zum Mut. Da war die erste Autofahrt mit Snow eine reine Horror-Odyssee. Ich dachte, eine Box ist das Sicherste, was es gibt für den Hund. So ist sie geschützt sollte was passieren. Der Gedanke war sicher nicht der schlechteste, aber ich hatte die Rechnung ohne Snow gemacht. Hätte ich nicht die ganze Autofahrt lang meine Hand in die Box gehalten wäre sie wie ein Räuber ausgebrochen und machte Tumult ohne Wenn und Aber, sie tat mir so leid. Zum guten Glück kann ich zuhören, denn nicht mein Gedanke war hier zentral, sondern viel mehr die Geschichte von Snow. Wenn du dein halbes Leben in einer Box gelebt hast, ist es dir zwar vertraut, aber lässt dich Panisch werden, wenn du das Trauma immer und immer wieder über dich ergehen lassen musst. Also weg mit der Box, her mit offen, gross, weit und trotzdem Safe! Und siehe da, ihre neu dazu gewonnene Lieblingsbeschäftigung neben Beobachten, Schlafen und Baden ist Autofahren geworden.


Ich freue mich auf die weiteren, spannenden Abenteuer mit Snow. Auf die Zeichensprache, welche ich erlenen darf, damit ich irgendwann mit Snow kommunizieren kann. Zurzeit bleibt sie verschont von Grundgehorsam (wie das schon klingt, damit meine ich vor allem Zeichen, die ihrer Sicherheit dienen.), vorerst darf sie einfach Vagabund auf Reisen spielen und ich, ich verbringe die Zeit damit, ihr zu folgen und den Moment zu geniessen.


Das Leben mit Snow ist spannend und eindrücklich! Team Snow

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