Biochemische Umwandlung
- Prisca Santschi

- vor 11 Stunden
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Wir können es aber auch "Gärungsprozess des Alterns" nennen. Ein guter Wein zeichnet sich durch die Ausgewogenheit, Komplexität und Länge aus. Der Prozess der Herstellung eines guten Weins ist eine Kombination aus Kunst, Handwerk und Naturwissenschaft. Der entscheidende Faktor für eine hohe Qualität ist oft ein geringer Ertrag pro Rebe, was zu konzentrierten Aromen führt.

Es ist wie beim älter werden, gewisse Dinge brauchen Zeit. Sie scheinen zwar in der Theorie oftmals etwas früher anzukommen als in der Praxis, aber genau dieser Prozess ist wichtig, damit der innere Reifegrad gefühlt und entfaltet werden kann. Ich habe mir die letzten Jahre viele Gedanken zu meiner eigenen «Gärung» gemacht, denn die Theorie scheint sich langsam in die Praxis zu formen.
So wollte ich in meinen 20igern viele Dinge erreichen, welche mir Ruhm und Ehre einbringen sollten. In meinen 30igern wollte ich vor allem Unabhängigkeit und finanzielle Freiheiten. Und heute, Ende 40ig schenke ich mir vor allem Zeit, um achtsam durch die Welt zu gehen. So habe ich gelernt, dass nicht die Menge, sondern der Inhalt entscheidend ist. Es ist nicht das Geld, die Anerkennung und das Aussen, was mich glücklich macht, es sind vor allem die Dinge, welche ich mir nur selbst geben kann.
Der geringe Ertrag einer Rebe, bedeutet also, das gewünschte Aroma kommt nur dann, wenn ich weiss worauf es ankommt.
Nicht das Aussen gibt mir Ausgewogenheit, Komplexität und Länge, ich gebe es mir. Nicht zu eilen, sondern darauf zu warten, dass sich der Satz im Glas legt, dann weiss ich, dass auch die sich bildenden Fenster - wenn ich den Wein schwenke - im Glas Sinn ergeben, denn es ist nicht die klare Sicht nach Aussen, es ist viel mehr die Innere Sichtbarkeit. Sehe ich mich, dann sehe ich, den Prozess meiner selbst.
Meine Geschichte spiegelt ganz bestimmt viele andere Geschichten, wenn auch jeder seine eigene DNA mitbringt, so sind es dieselben Gespräche, dieselben Bücher, dieselben Weisheiten, dieselben Wiederholungen. Erst wenn ich das verstandene Leben von der Theorie in die Praxis umsetzen kann, schreibt sich eine neue Geschichte, meine eigene Geschichte.
Warum das wohl so ist?! Ich frage mich, warum wir diesen Wiederholungen im Älterwerden nicht entgegenwirken können, damit wir schon mit 20ig das praxisnahe Dasein anwenden können, welches sich oftmals erst ab 50gi einstellt. Wie oft habe ich von «älteren» Menschen um mich herum gehört: «ach, das dachte ich in deinem Alter auch, du wirst es schon noch verstehen, später, wenn du etwas älter bist…» oder «an deiner Stelle würde ich das nicht tun, du verpasst nichts, es wiederholt sich sowieso alles…» oder «das haben mir schon meine Eltern damals gesagt…» und heute finde ich mich zu oft auch in dieser Situation, dass ich jüngeren Menschen sage «das habe ich in deinem Alter auch so gemacht, hat aber am Ende nichts gebracht…»
Braucht es das alles immer wieder, um wachsen zu können. Geht Erwachsen werde nur dann, wenn wir diese Phasen durchlaufen, welche auch schon unsere Vorfahren durchlaufen mussten. Wird man nur so den Theorieteil los. Ist der Sinn des Lebens am Ende nur der Weg in die Praxis, der Weg zu sich selbst. Wie ein guter Wein, der Zeit braucht um reifen zu können. So, dass er eines Tages auf der Weinkarte im benachbarten Restaurant aufpoppt um von einem «Gourmegle» begutachtet und geschlürft zu werden. Sind wir erst dann Herr und Meister unser selbst!
Ich sehe mich heute mit anderen Augen, ich fühle die Theorie, denn sie ist Teil von mir geworden. Wenn heute etwas an mich herangetragen wird, was mich früher «wütend, traurig oder verunsichert» hat, kann ich es heute besser einordnen und stehen lassen. Ich muss mich nicht mehr Beweisen, erklären oder krönen, indem ich versuche das Gegenteil einer Aussage zurecht zu legen oder darzustellen. Ich lasse es stehen und übergebe den «weisenden» heute gerne die Bühne. Es ist vielmehr die Lebensidee, welche mich antreibt, was brauche ich, um glücklich mit mir zu sein.

Ich bin von einem eher Rebellischen Wesen zu einer in sich ruhenden Person herangewachsen. Das alles war nicht gratis und es hat mich viel Umwege und Kraft gekostet, aber ich vertraue mir heute zu 100% und weiss, was ich kann, was ich brauche und was ich nicht mehr benötige.
Ich lebe heute ein Leben, welches mich zufrieden und glücklich macht. Klar skaliere ich mal etwas nach oben oder nach unten, ich wachse mit mir.
So stelle ich mich den Herausforderungen, welches das Umfeld an mich heranträgt. Die Socken, aus denen es mich früher immer wieder mal rausgehauen hat, habe ich direkt ausgezogen, ich stehe hier, mit meinen nackten Füssen auf der Bühne. Wer mich herausfordert lässt mich wachsen. Es ist nicht mehr eine Gefahr, viel mehr ein weiteres erlernen meiner noch nicht entdeckten Fähigkeiten.
«Lerne zu akzeptieren, was du selbst nicht ändern kannst.»
Eine Aussage, welche wohl die meisten kennen. Mir war in der Theorie immer klar, was das heisst, heute aber weiss ich, was die Praxis mir damit sagt. Es wird immer Menschen und Situationen geben, welche mich vor Herausforderungen stellen, es sind aber nicht die Menschen, Situationen, welche mich herausfordern, viel mehr die inneren Gedanken, meine Geschichte, welche noch «Trigger» hat, mit denen ich Frieden schliessen sollte, …
So bin ich von einem eher schweren, dunklen Wein zu einem genussvollen, leichten Wein herangewachsen. Nein, ich habe mich nicht angepasst, ich habe nur meinen eigenen Geschmack gefunden. Hat früher das "Aussen" etwas oder jemand von mir in Frage gestellt, habe ich direkt mein Innen angepasst. Was für ein Akt, was für ein Aufwand, was für ein Verlust.
Heute ist mir klar, dass mein Innen immer passt, denn es ist meines. Es reicht, das Etikett anzupassen. Ich passe mich also den Gegebenheiten an, indem ich flexibel dem Aussen gerecht werden, bleibe so flexible und mir am Ende treu. Die Nuancen, welche ich in meinem Wachstum benötige, wird nicht die Leichtigkeit des Weins verändern, aber die Sicht der Dinge stabilisieren.
Der Mensch wächst mit der Erfahrung, es braucht also Zeit, um sich selbst zu begegnen. So freue ich mich auf das Älterwerden, es wird die Begegnung mit mir interessanter machen und mich in meinem Dasein noch mehr festigen. Wie mit einem guten Wein, je länger er lagert, je besser schmeckt er mir.
Fahre ich mit einem Rennwagen durch mein Leben, werde ich die Tiefe nie erreichen, die ich erreiche, wenn ich dieselbe Strecke mit einem Trabi fahre. Es ist nicht die Geschwindigkeit* die zählt, viel mehr die Zeit, welcher den Moment für einen Augenblick stehen lässt.
So gäre ich weiter in mich hinein und freue mich auf die heranwachsende Qualität. Für euch drucke ich gerne weitere Etiketten, denn nur so kann mein Dasein an innerem Wachstum dazugewinnen.
Me!
*Geschwindigkeit brauche ich schon, sie ist sozusagen meine zweite DNA. In diesem Zusammenhang aber eher unpassend...




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