Wert vs. Wert
- Prisca Santschi

- vor 12 Minuten
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Stell dich doch bitte woanders, oder hinten an. Kasse drei scheint am wenigsten Frequenz zu haben. Ich begebe mich also an Kasse drei. Von der Seite wird mir die eine Frage etwa dreimal gestellt, von unterschiedlichen Kunden «Stehen sie an…?» Klar stehe ich an, ich wollte keine Wurzeln schlagen und zu einem Baum heranwachsen… dachte ich und lächelte. So ein genervtes lächeln, so eines mit dem vollen Einsatz der Backenzähne, welche sich gerade 500gr Weizen zu Mehl verarbeiteten…
…das dachte ich damals, als ich noch weiter weg von meiner baldigen 50ig stand. Wenn ich eines gelernt habe, dann, dass man im Leben alles kann, wenn man Willen und Mut besitzt. Es reicht nicht nur Mut oder nur Willen zu besitzen, es braucht von beidem und um zu diesem Baum werden zu können (welcher ich früher nie sein wollte ), ein Baum, der an jeder Stelle Wurzeln schlagen kann, braucht es auch noch eine grosse Portion Erfahrung, welche wir vom Leben geschenkt bekommen, ja geschenkt.
Wer meine Blogeinträge bereits seit Beginn mitliest, der nimmt an meiner Art zu schreiben Veränderungen wahr, man kann dem ganzen einen Namen geben: Wachstum, Intelligenzsteigerung oder eben Erfahrung.
Es sind die Gedanken, die mit mir zusammen Achterbahn fahren. Fragen, welche mit Lichtgeschwindigkeit durch meine Hirnwindungen rasen und mich wach liegen lassen. Es ist wie Fire and Ice du willst entkommen, wirst aber immer wieder von den Gedanken, dem Drang fliehen zu wollen eingeholt. Das Leben spielt uns manchmal einen Streich, wir sehen Dinge, die nicht Real sind, wir fühlen Dinge, die nicht dem gefühlten Gefühl entsprechen, wir hören Dinge, welche nie so gesagt worden sind, wir bauen uns unsere eigene Wahrheit, unsere eigene Realität auf. Sie wird durch verschiedene Aspekte im Leben an uns herangetragen, alles passiert im Wachstum. Wir lernen von dem, was wir sehen. Als Kleinkind waren unsere Eltern unsere Lehrer. Als Schulkind haben uns die Lehrer durch Noten bewertet und unser soziales Verhalten mit Bestrafung oder Belohnung korrigiert. Als Lehrling/Student sind wir mit dem Leben und seinen imaginären, gummiartigen Grenzen in Berührung gekommen und wir haben in jedem dieser Abschnitte unsere Wahrheit geformt, eine, die uns zu dem gemacht hat, was wir heute in die Welt hinaustragen. Ein Satz ist mir schon früh in meinem Leben begegnet:
«Glaube nicht alles, was Du siehst…»
ich konnte diesen Satz damals nicht einordnen. Nicht alles glauben, was man sieht, ist ein kompletter Wiederspruch zu dem, was mir im Heranwachsen gelehrt wird. Tue was ich sage, mache dies und jenes und halte dich an Regeln. Regeln sind Botschaften, sie sind die Leitplanken, welche gesetzt sind und dürfen nicht gebrochen werden, denn wer sie bricht, wird bestraft. Also wohin mit dem Satz. Viel mehr sollte darin noch «Rebell, Gangster oder Bro,» vorkommen.
«Glaube nicht alles, was du siehst, ausser du bist ein Rebell, Gangster oder Bro…»
Er wäre ehrlicher und hätte eine darauffolgende Bestrafung bewusster gemacht. Es heisst, ich soll nicht alles Glauben, was ich sehe oder höre, weil ich in Frage stellen soll, was an mich herangetragen wird. Ich soll auf mich Vertrauen, mir und meinen Gedanken und Gefühlen Gewicht geben und entsprechend hinterfragen, was ich sehe. Nicht alles, was ich mitbekomme, ist was ich sehe und nicht alles was ich sehe ist was ich glauben soll.
In all den Jahren, in denen wir uns an Situationen und gelerntes erinnern, passiert einiges in unseren Köpfen. Je älter wir werden, je unausweichlicher tauchen Fragen auf, welche uns in Zustände zwingen, in denen wir neue Erfahrungen machen müssen. Wir wollen uns an gelebtes erinnern, um vom Erfahrungswert zu profitieren, merken aber, dass jede Dekade des Lebens was anderes ins Wichtigkeits-Zentrum gestellt hat.
Das heisst, wir fangen mit jedem Alter wieder neu an, denn was noch nicht gelebt wurde, hat auch noch keinen Erfahrungswert. Wir haben also zu jedem Zeitpunkt eine neue Möglichkeit. Wenn ich aus dem Fenster schaue, ist es wie eine Schneebedeckte Wiese, welche noch nicht betreten wurde, ohne Spuren. Die Grenzen bleiben, denn wie die Wiese beschränkt ist, so sind unsere Gedanken begrenzt, eingezäunt und eingesperrt. Wir haben uns zu dem Menschen geformt, welcher wir heute sind, mit allem, was wir mitgenommen haben, nun können wir neu anfangen, die einen bis zu den Grenzen und die anderen darüber hinaus.

Und genau da stehe ich nun, auf dieser Wiese, zwei neue Spuren und sichtbare Grenzen, welche ich mit dem neu gewonnenen Bewusstsein erweitern kann, jeden Tag, immer wieder, denn es sind nur Gedanken. Meine Gedanken sind so lange frei, wie ich ihnen erlaube frei zu sein. Ich kann mich neu erfinden, solange ich lebe. Ich habe die Wahl.
Nehme ich die Zäune, welche mich daran hindern den Horizont sehen zu können mit, oder lasse ich sie stehen, um neue Möglichkeiten zu erschaffen.
Ich stehe also wieder an Kasse drei… die Frage wird mir erneut gestellt: «Stehen sie an…?» dieses Mal sind meine Gedanken freier. Denn die Frage hat an Wert verloren, es ist nur eine Frage, sie braucht keine Wertung, weder die Person noch der Moment.
Der Moment ist der, der lebendig ist, der Moment ist die Schneebedeckte Wiese, welcher mir Zeit einräumt, neu zu sein, anders zu sein, ein Moment zu sein. Es spielt keine Rolle mehr, welches Wort an mich herangetragen wird, wenn ich es nicht werte, wird es mir nichts abverlangen.
Die Wichtigkeit im Leben verändert sich, mit jedem Tag kommen wir dem Bewusstsein näher, mit jeder gelebten Stunde wird die Erfahrung reicher und mit jeder Sequenz, in der wir lernen das zu tun, was wir benötigen, um einen neuen Schritt zu gehen werden wir entspannter, gelassener und achtsamer. Es fühlt sich so schön an diese Zeilen zu schreiben, denn jedes Wort, welches sich durch meine Hirnwindungen hindurch bis zu meinen Fingern begibt, ist wie das Erwachsenwerden im Leben. Es ist da, um da sein zu müssen, ich gebe dem Wort, dem Leben, dem Gedanken das Gewicht, was es braucht, um weiterverarbeitet zu werden.
Ich bin das, was ich denke, und ich bin das, was ich denke zu sein.
Wie wollen andere Wissen was für mich gut oder richtig ist, wie wollen andere für mich Entscheidungen treffen, wenn sie ihre eigenen Grenzen gesetzt haben und diese nichts mit den meinen zu tun haben. Wie wollen wir in Harmonie leben, wenn jeder denkt, er wisse, was das Beste für den anderen sei?
Soll ich den Aussagen anderer nun einen Moment Aufmerksamkeit schenken oder ist es viel wichtiger dem Moment zu vertrauen, welcher mir das Gefühl einräumt, wichtig zu sein?! Nicht aus Anstand, nicht weil ich es gelernt habe und auch nicht, weil es Gesetze gibt, welche es mir vorschreiben. Nein, einfach nur, weil ich es so empfinde, so fühle, so lebe.
Wir sind Individuen, keiner ist wie der andere, keiner denkt, fühlt, handelt und sieht wie ein anderer. Wir sind da, jeder mit seinen eigenen Zielen, Wünschen, Hoffnungen und Lebenserwartungen. Wir sind aber gemeinsam mit vielen anderen da, welche andere Grenzen, Gefühle, Gedanken haben. Wir sollten also in dieser Gemeinschaft miteinander funktionieren.
Das heisst, dass wir alle bei null, mit Null ankommen in diesem Leben. Deine Null ist nicht wie die meine und die meine nicht wie der anderen. Wer also wertet die Art der Null? Und genau darum geht es. Ich bin nicht du und du bist nicht ich. Wir können miteinander, auch ohne, dass wir den anderen Werten. Mein Leben beginnt jeden Tag mit einem Gedanken, welcher der meine ist – wenn ich aber feststelle, dass es meine Gedanken sind und nichts mit anderen zu tun hat, dann habe ich für meine Welt ganz vieles schon beigetragen, denn meine Null ist und bleibt die meine. Wenn ein Mensch ein Gefühl in mir auslösen kann (ob ein gutes oder ein schlechtes) dann ist es nur mein Gefühl, es ist nicht der andere, der das getan hat, es ist mein Gedanke der Wertet und es ist mein Gefühl, welches daraus entsteht.
Macht ist meine Verantwortung. Gedanken sind meine Verantwortung. Gefühle sind meine Verantwortung. Wertung ist meine Verantwortung. Ich bin meine Verantwortung.
Ich bin erwachsen geworden. Ja, ich werde erwachsen und ich bin dankbar dafür.
me!




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