Wenn die Regenbogenbrücke auf dich wartet...
- Prisca Santschi

- vor 11 Minuten
- 5 Min. Lesezeit

Der gestrige Tag kann eine Chance, oder einfach nur traurig und schmerzhaft sein. Ich weiss noch nicht auf welche Seite sich meine Emotionen schlagen werden, vielleicht bin ich mit dem Pendel noch in der Mitte, in der Ohnmacht. Nicht bewegen, dann passiert nichts, irgendwie so.
Ich wusste, dass dieser Tag kommt. Ich wusste, dass mich dieser Tag aus der Bahn werfen wird. Ich wusste auch, dass man diesen Tag nicht vorbereiten kann. Der Schmerz ist ein Teil vom Leben und das Leben ein Teil vom Schmerz.
Zeit ist ein Kostbarste Gut. So wertvoll, so wundervoll. Wir können uns die Zeit so gestalten, wie wir sie haben möchten und wir können uns in der Zeit aufhalten, um Erinnerungen bunt werden zu lassen.
Aufmerksam zu sein, in der Zeit, in der wir uns bewegen, bedeutet auch, dass wir lebendig in Erinnerungen fühlen können. Ich kann also, über Momente fühlbare Erinnerungen erschaffen. Diese lassen mich die Zeit weiterfühlen, immer wieder erleben. Ich kann also bewusst gelebtes weiterhin fühlen, auch wenn die Zeit vorbei ist. All das erschaffe ich mit meinen Gedanken und den bewusst gelebten Moment. Ich kann nicht die Zeit aufhalten, aber mich immer wieder in den Moment zurück fühlen, hineinversetzen. Ein bisschen wie eine warme und schützende Umarmung. Ich kann damit keine Schmerzen auslöschen, aber ich kann mich immer wieder zu dieser schönen Erinnerung zurückbegeben und mich einen Moment lang darin umarmen lassen.
Es ist die Endgültigkeit, die unsere Gedanken schwer werden lassen, es ist der Abschied für immer, der uns die Tränen in die Augen bringt, es ist das Loslassen, welches uns an Grenzen stossen lässt. Und wenn ich den ersten Satz erneut betrachte: «Der gestrige Tag kann eine Chance, oder einfach nur traurig und schmerzhaft sein.» So weiss ich, dass es eine Chance ist, welche ich gestern erhalten habe. Aber wollte ich es denn überhaupt so klar und deutlich wissen, sind es die Gedanken, die mir Angst machen, weil es neu ist und ich keine Ahnung habe, wie man damit umgeht. Ich weiss es nicht, aber etwas weiss ich ganz sicher, ich werde niemals bereit sein, für einen solchen Abschnitt.
Mein Seelenhund bekommt Flügel, sie sind sichtbar und wachsen. Ich darf sie auf ihrem Weg zur Regenbogenbrücke begleiten, was für ein wundervoller Gedanke.
Wir gehen diesen Schritt gemeinsam, verbunden, bewusst - noch bewusster als wir es die letzten Jahre gemeinsam getan haben. Ich darf nun ihren letzten Weg stützen, sie unterstützen und ihr den Halt sein, welcher sie mir in den letzten neun Jahren gewesen ist. Ein Leben ohne Nacho ist für mich nicht vorstellbar, es ist nicht Teil des Plans und auch wenn mir vor neun Jahren bewusst gewesen ist, dass dieser Moment kommen wird, so will ich ihm nicht in die Augen blicken – dem Ende.
Während ich diese Zeilen schreibe, liegt sie friedlich hinter mir, schnarcht und träumt vor sich hin, ich kann sie riechen, jederzeit ihr weiches, seidiges Fell streicheln, Erinnerungen erschaffen, sie ist da - physisch bei mir, anwesend und schenkt mir noch immer ihre unendliche Liebe und Aufmerksamkeit.
Aber es wird auch dieser Moment kommen, an dem ich diese Zeilen lese, sie nicht mehr direkt hinter mir liegt, ich sie nicht mehr bewusst berühren kann, sie keine Schuhe, Socken, Stofftiere mit sich herumträgt, um ihre Freude auszudrücken… Sie mir entgegenrennt, ihr Schwanzwedeln (na ja, Füdle schwenke triffts besser) ausbleiben wird, ihr «Bully-Gring» nicht mehr durch jede Lücke gedrückt werden muss - einfach, weil sie es kann. Sie keine Pfoten-Abdrücke mehr im Sand oder Schnee hinterlässt, sie nicht mehr mit mir zusammen auf dem Stand-Up durch Meer und See paddeln wird.

Es kommt die Zeit, an der ich mich von Erinnerungen umarmen lassen muss. Sie wird mir fehlen, der Moment sie zurückzuwünschen wird mit der Zeit weniger schmerzhaft sein, ich werde mit einem Lächeln in den Himmel blicken und mich an die Zeit mit ihr zurückerinnern. Wir haben so viel gemeinsam erlebt, dass mich wohl jeder Platz, an den ich noch oder wieder reisen werde, an Nacho erinnern wird. Sie hat mein Leben in jedem Moment farbiger gemacht und ja, «mängisch hesch mi o eifach nume gnärvt».
Während dem Schreiben, so scheint mir, tritt wohl gerade irgendwo das Meer übers Ufer. Ob Tränen dem inneren Schmerz einen Weg aufzeigen, damit sich der Druck in der Brust verringern kann. Neun Jahre sind eine stolze Zahl, im Rückblick auf die Qualen die Nacho durch ihre Überzüchtung erleiden musste. Sie hat nie geklagt oder gejammert, sie wurde nur noch stärker.
Ich habe gelernt, dass Hürden dazu da sind, den Weg zu sich selbst zu finden. Nicht, indem man jede Hürde übersteigt oder ihr aus dem Weg geht, viel mehr indem man sich damit auseinandersetzt, wenn die gleiche Hürde, immer wieder auftaucht, wenn auch in unterschiedlichen Situationen. Neun Jahre später habe ich mich von einem eher gestressten Hundehalter-Dasein, zu einem «wir haben Zeit und kriegen das in Ruhe hin-Dasein» gemausert. Ich brauche keine Regeln, welche ich als Hundehalter über meinen Hund stülpen muss, nur weil andere es so tun. Ich weiss heute, dass mit Geduld, Liebe und Ruhe sich alles irgendwann bewegen wird. Denn auf einer langen Strecke, kommst du mit «Gring abe u Seckle» nicht weit, oder so weit.
Sei wie Wasser, oder sei geduldig mit dir selbst. Ich muss nicht perfekt sein, aber ich will mich sein.
Nacho hat in den letzten neun Jahren viele unterschiedliche Facetten von mir ausgehalten. Sie hat durchgehalten, ja, manchmal war es einfach nur ein durchalten. Sie hat mich mit grossen Fragezeichen in den Augen angeschaut, aber mitgemacht – sie hatte ja auch keine Wahl. Hat sie sich dann mal an eine Facette gewöhnt, kam bestimmt direkt wieder was Neues hinzu, so scheint ihr Leben an meines angepasst worden zu sein, wir haben uns Verbunden, weil sie es tat. Als ich - vielleicht vor 3-4 Jahren - bewusst, realisiert habe, dass es als Team Würdevoller für den Hund und uns sein könnte, sind wir zusammengewachsen. Ich kann heute mit ihr einfach nur dasitzen, nichts tun, ausser mit mir verbunden sein, dann bin ich mit den Seelen um mich herum verbunden, die bei mir sitzen wollen.
Gefühlt jeder vorausgegangene Blog-Eintrag beschreibt das eine Thema der Achtsamkeit. Im Hier und Jetzt zu sein, mit sich im reinen und nicht wertend. Kein Ziel vor Augen, nur den Moment lebend. Nacho ist mein kleiner Buddha, immer da, mit sich, bei mir - Achtsam, aufmerksam, selbstlos und voller Liebe.
Ich kann dieses Ende nicht planen, weil ich Angst davor habe sie loszulassen, sie wird mir fehlen – bewusst und unbewusst. Aber noch sind wir physischen verbunden, gemeinsam auf diesem, ihrem Weg zum Regenbogen. Ein Ende kann man nicht planen, aber ich bin dankbar, unendlich dankbar für all die gelebten Momente mit ihr.
Wir lassen ihre Flügel nun wachsen, damit der Wind sie irgendwann, behutsam und sanft über die Regenbogenbrücke begleiten kann.
Für meine liebste Fellnase, Nacho



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