top of page
  • AutorenbildPrisca Santschi

Messers schneide!

Ich hatte es bereits im vorausgegangen Blog-Post angesprochen – FC SRF! – meine kleine Knutschkugel musste in einer Nacht und Nebelaktion in die Tierklinik gebracht werden.


Heute, 10 Tage später liegt sie mit Halskragen dösend neben mir. Es waren 6 schreckliche, und anstrengende Tage. Nun folgt der lange, anstrengende Genesungsprozess.

Nacho draussen auf dem Balkon

Wenn du dich für einen «Rassehund» entscheidest, welcher so wenig noch mit dem Wolf zu tun hat, wie die Birne mit der Kartoffel, dann musst du dir bewusst sein, dass da einiges an nicht planbarem auf dich wartet.


Wenn du aber auch noch zu «doof» dazu gewesen bist, dich vor dem Kauf über die Defizite und deren Leidensgeschichte zu befassen, dann hast du echt zweimal den Jackpot gewonnen. Herzliche Gratulation!



Darüber habe ich in vielen Blogs davor schon ausgiebig gesprochen, aber ich muss mich manchmal selbst Ohrfeigen, damit ich mich wieder daran erinnere. Nun stehe ich da, 6 Jahre später, mit meiner kleinen Knutschkugel, welche jeden Kampf für mich aufgenommen hat, sie hat sich mit dem menschlichen Missbrauch ihrer Rasse abgefunden und jammert nicht einen Moment lang rum.


Aus den vorausgegangenen Gedanken und Einsichten bin ich es ihr schuldig, diesen Weg weiterzugehen. Ebenso bin ich es meiner «Dummheit» schuldig weitere Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass sie bitte die Finger von solchen Rassen lassen soll – sowas darf nicht weitervermehrt und weiterverbreitet werden! Wir dürfen nicht weiter die Macht darüber haben uns an wehrlosen Geschöpfen auszuprobieren nur um sich zu schmücken.


Nacho hatte eine schlimme Mittelohrenentzündung! Ich habe es erst viel zu spät mitbekommen. Ok, ich habe ihre Ohren gesäubert, sie regelmässig zum Tierarzt gebracht und doch blieb das Ausmass dieser Geschichte in ihrem Kopf verborgen. Es gibt so viele Tutorials, so viele Anleitungen und Bücher welche Krankheiten diesem Hund bereits bei Geburt mitgegeben werden – aber es gibt keine Anleitung darüber, wie ich noch besser verstehen kann, was mein Hund mit mir bespricht. Und glaubt mir, ihr ungläubigen da draussen – mein Hund spricht jeden Tag mit mir, ganz leise.


Ich verstehe es nur nicht immer – und in diesem Fall hat meine Kommunikation diesbezüglich mehr als versagt. Sie zeigt mir an, wenn ihre Ohren schmerzen, sie zeigt mir an, wenn sie was nicht tun möchte, aber ich war zu überzeugt davon, dass ihre Ohrenschmerzen wieder weggehen werden.


Viel Pflege, viel Ruhe!

Wie hat sie noch mit mir gesprochen. Sie war müde, an manchen Tagen wollte sie nicht rausgehen, geschweige denn draussen Zeitung lesen oder sich in der Sonne den Pelz wärmen lassen. Klar war ich stutzig, klar war ich verunsichert, aber ich dachte «sie wird alt und sie darf sich Zeit lassen, für alles, was sie möchte». Es hat Tage gegeben an denen ist sie nicht einmal aufgestanden, wenn ich zur Türe reingekommen bin, sie hat ihren Kopf in die Decke gesteckt und weitergeschlafen.


All das waren Anzeichen für «mir isch nid wohl, äs geit mir nid guet…»


Da ist noch die Sache mit ihrem Rücken, ich kannte solche Momente, an denen sie einfach keine Motivation oder keinen Elan für grosse Sprünge gehabt hatte und ich habe ihr die Zeit zur Genesung mit Gesundschlafen gelassen. Ich hätte all diese Signale besser verknüpfen sollen, ich hätte wohl öfter zum Tierarzt gehen müssen. Das alles habe ich aber nicht getan. Ich habe mich lediglich zu ihr gelegt, sie gestreichelt, ihr Ohr gereinigt und ihr gut zugeredet. Im Nachgang ist man meistens schlauer. Ich hätte viel mehr tun müssen und ich hätte die Signale ernster nehmen müssen.


Genau, ich hätte müssen…

Heute weiss ich, dass diese Ohrenentzündung wie jede davor angefangen hat, ich habe in den ersten Wochen auch richtig gehandelt. Denn Nacho ist immer und immer wieder über Felder und Wiesen gerannt, hatte Spass am Leben und das Ohr machte ihr auch in vielen Wochen dazwischen keine Probleme mehr – so die Aussenansicht!


Im Innenohr haben sich die Bakterien und Pilze ihren Raum erschaffen, sie sind sozusagen in Nachos Ohr eingezogen. Sie haben den Gehörgang von innen nach aussen zu betoniert, eine Art Türe, welche von aussen nicht mehr aufgemacht werden konnte. So konnte kein Desinfektionsmittel und auch keine Frischluft mehr ins Ohr gelangen. Es begann ein furchtbar schlimmes Spiel im Ohr und Kopf meiner kleinen Knutschkugel.


Ich stelle mir diesen Schauplatz wie im Mittelalter vor, wenn die Ritter hoch zu Ross versuchen die Meute zu Fuss bekämpfen und besiegen wollen. Oftmals waren die Soldaten zu Fuss in Überzahl, mit feurigem Pfeil und Bogen, Kanonengeschosse und am Ende konnten die Ritter sich nur aus der Arena zurückziehen oder sterben. In diesem Fall von Nachos Ohr haben sich die Bakterien wie ein Lauffeuer verbreitet und niemand konnte weder raus noch rein, ein richtiges Massenbegräbnis also. Ein schleimiger Schleier hat sich über die Nervenbahnen gelegt und langsam, aber sicher wurden diese schwächer. Das Augenflimmern war der Gipfel des Eisbergs, der linke Gehörgang war bereits malträtiert, nun zogen sie weiter, die Soldaten und wollten weitere Gänge besetzen.


Nacho hatte keine Chance…


…hätte ich sie verstanden, dann wäre der ganze Schmerz für sie viel erträglicher gewesen! Im Tierspital hat man ihr Ohr wie auch die betroffenen Abschnitte des Gehirns wegoperiert und ausgeschabt. Das linke Ohr musste komplett verschlossen werden. Das sie heute, 10 Tage nach der schweren Operation wieder neben mir liegt, an unserem Alltag teilnehmen kann, grenzt an ein Wunder. Ihr linkes Auge wie auch Teile ihrer linken Gesichtshälfte sind noch gelähmt, sie braucht Hilfe beim Fressen und Trinken und wackelt etwas beim Gehen.

Einiges davon wird wohl zurückbleiben, aber sie ist aufmerksam, will wieder mitten im Leben stehen und hat schon wieder Flausen im Kopf. Ich bin unglaublich stolz auf sie, bewundere ihren Lebenswillen.


Ihr Leben stand auf Messers schneide, ich konnte nicht abschätzen wie gross ihr Wille ist und ich wusste am Ende nicht, ob ich meine Knutschkugel irgendwann wieder um mich herumhaben darf.


Wir mussten, nachdem ich sie nach Hause holen konnte, noch 2–3-mal in die Tierklinik fahren, sie wollte nicht fressen (hat über eine Woche nicht gefressen), so konnte ich ihr die Schmerzmittel auch nicht verabreichen. Diese mussten gespritzt werden. Anschliessend war sie am einen Tag vor lauter Wasser trinken und wieder erbrechen so geschwächt, dass wir sie nochmal an den Tropf geben mussten.


Dann endlich ging es Bergauf, sie hat mit Hilfe von mir gefressen, sie wirkt aktiv und freudig und macht Fortschritte.


Sie hat mit mir gesprochen und ich höre zu. Ich habe ihr in jedem Moment gesagt, dass sie gehen darf, wenn sie nicht mehr hier sein möchte, wenn der Schmerz zu gross ist, dann darf sie ohne schlechtes Gewissen gehen, sich die Flügel überstülpen und losfliegen – aber sie wollte nicht, noch ist ihre Zeit nicht gekommen.


Nun folgt der Genesungsprozess. Wir wissen nicht, wie lange dieser dauern wird, die kleinen Fortschritte und ihre unglaubliche Freude am Leben zeigen mir, dass sie hier sein will, dass sie den Weg geht – mit den neuen Herausforderungen, welche uns nun gestellt werden. Ich bin da, stelle mein Tempo um und begleite sie heute noch bewusster auf ihren Wegen wie davor.


Sie bereichert mein Leben. Sie ist stark und zeigt mir jeden Tag aufs Neue was es heisst sich mit den Gegebenheiten abzufinden und dennoch Spass zu haben. Es ist mir dennoch ein grosses Anliegen weiterhin darauf aufmerksam zu machen, dass diese Art von Hundezucht alles andere wie gut und erfreulich ist.


Bitte hört auf euch Hunde anzuschaffen, denen ihr nicht gerecht werden könnt. Es ist nicht nur die Rasse oder die Überzüchtung, welche es den Lebewesen schwer machen, es ist der Mensch, der sich nicht bewusst ist, wie gross das Ausmass sein kann, wenn wir dem, was wir uns anschaffen, nicht gerecht werden. Ich höre so viele traurige Geschichten, allein schon in meinem Umfeld – geschweige denn über unsere Schweizer-Grenzen hinaus – bitte schaut hin und dreht euch nicht einfach weg, und lebt es den nicht «Wissenden» besser vor.


Wir sind dankbar, dass wir sie haben, kein Augenblick in meinem Leben möchte ich sie missen müssen. Auch wenn ich vor 6 Jahren zu doof zu allem gewesen bin. So weiss ich heute, was ich dem kleinen, süssen Wesen schuldig bin.

Zuhören kann in so unendlich vielen Momenten Unheil heilen!


In diesem Sinne versuche ich es Nacho gleich zu tun: Ich höre und sehe zwar nicht mehr alles, aber ich liebe das Leben mit allem, was es mir bietet. Ei Schritt vore anger und nid nume «schnell, schnell».


Geniesse den Moment, er ist schneller weg als du denkst! The Wuff and the Gang


PS: Es ist und war mir immer unglaublich wichtig, dass Nacho am Leben teilnehmen kann, sie ist ein Hund, sie will sich draussen bewegen können, sie will frei sein und nicht darauf angewiesen mit Unterstützung rausgehen zu können. Ich kann ihr das alles wieder zurückgeben - der Weg dahin braucht nun Zeit, aber sie wird wieder Selbstständig und Dickköpfig wie davor durchs Leben gehen können.

74 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Comments


bottom of page