Der Selbstversuch

Um sich in eine Welt begeben zu können, wo die Geräuschkulisse verstummt, benötige ich ein paar einfache Utensilien: Ohropax und einen Pamir Gehörschutz und schon konnte es losgehen.
Wenn du dich nicht mehr auf deinen Gehörsinn verlassen kannst, dann macht sich Unsicherheit breit. Niemals hätte ich gedacht, dass nichts hören einen solch grossen Einfluss auf meine eigene Sicherheit hat. Da sind gefühlte 100 Kopfdrehungen pro gelaufenen Meter (ich werde mir direkt ein 10er Abo in der Thai-Massage buchen), immer wieder verliere ich ein wenig mein Gleichgewicht, stolpere anstelle von Gehen, die neue Trendsportart und dann sind da, nicht zu vergessen die lauten Gedanken – welche nichts mit dem Gehör zu tun haben, jetzt aber eine unglaublich hohe Frequenz fahren.
Wenn es mir ab und zu gelingt, meine lauten Gedanken in Schach zu halten, dann bin ich komplett abgeschirmt, in meiner eigenen Welt. Das draussen existiert nur noch im kompletten «Voran-Fokus». Ich nehme auf, was ich erspähen kann, lasse alles aus was meinen Blickwinkel nicht erfassen kann. Die Farben intensivieren sich, die Gerüche werden «schmackhafter» (ja nicht alle), die Blätter, welche sich im Wind bewegen fühle ich auf meiner Haut und weil ich weiss wie sich Wind anhört, stelle ich es mir irgendwie vor. Ich tauche ab, komplett – wie weggetreten, wie nicht anwesend – aber auf eine gute und beruhigende Art.
Dann rauscht ein Radfahrer in einem Affenzahn an mir vorbei, ich erschrecke mich und meine gerade gewonnene Sicherheit zerschellt in Sekundenschnelle. Ich bleibe stehen, erstarre, möchte mich nicht mehr von der Stelle bewegen und mich am liebsten unter einer warmen Decke verkriechen; Augen zu, weg! Ein Auto, ein Jogger, ein Radfahrer, Kinder, Hunde, Spielsachen, usw. Alles fliegt wie aus dem Nichts an mir vorbei, jedes Mal erstarre ich innerlich und weiss gerade nicht mehr so recht, wo ich bin und was das hier alles soll. Bin ich zu Hause, in meinen gewohnten vier Wänden kann ich mich unglaublich gut auf die Sache konzentrieren, a Safe Place… hier rauscht keiner aus dem Nichts an mir vorbei und ich lasse mich auch nicht von Geräuschen ablenken – ich verfalle der Sache, der ich mich widme. Es hat also auch gute und entspannte Komponenten in diesem Experiment – so merke ich, dass sich zu konzentrieren am besten funktioniert, wenn die Sicherheit im Umfeld gegeben ist. Fühle ich mich sicher, bin ich offen und fokussiert.
Ich widme mich dem Thema «Taub-Sein» seit der Adoption von Snow jeden Tag. Frage mich wie es wohl ist in ihrer Welt, in einem Leben ohne dieses wichtige Sinnes-Organ. Wie können wir uns aufeinander abstimmen, wie kommunizieren wir miteinander, wie schaffe ich es, mein Gehör auf sie zu übertragen, ohne zu sprechen.
Wie schaffe ich es, sie dazu zu bewegen mit mir in Blickkontakt zu kommen. Wie kommunizieren wir draussen, wenn ihre Welt abgeschirmt von der meinen ist, wie schaffen wir es, beide in dieselbe Richtung blickend und uns dennoch zu hören.
Nichts hören ist das eine, aufeinander achten ist eine komplett andere Liga. Auch darin habe ich bereits mehrere Jahre Erfahrung… (wie wohl alle von uns – adaptiert es mal auf eure Beziehung oder ins Geschäftsleben) denn was wir hören, ist nicht immer das, was das gegenüber uns gesagt hat. Und was wir sehen, ist auch nicht immer das, was sichtbar ist. Komplexer geht es kaum.

Eine gemeinsame Sprache zu erlernen, scheint mir logisch. So beginnen wir mit kleinen, sicheren Schritten, zu Hause, mit ganz vielen Leckerlies, welche sofort den Ohrwurm: «Bini Gottfried Stutz e Kiosk? Oder bini öppen e Bank? Oder gsehni us wie es Hotel? Oder wie e Kasseschrank?» auslösen.
Mich interessanter machen als ihre Welt, das ist eine grosse Herausforderung für ein Team, welches sich gerade erst mal formiert und bildet. Zu Hause sind wir schon ganz gut darin, sich aufeinander einzulassen, Routinen stärken die Sicherheit und wir kleben den ein oder anderen Tag auch schon mal aneinander.
Draussen, da geht’s eigentlich, also sie geht da und ich dort – haha – so steht die eine Anekdote für ganz viele weitere. Wir sind zusammen an der Emme unterwegs, geniessen das kühle Nass, die Natur, die Ruhe, der niedrige Wasserpegel. Snow badet und sucht sich ihre nächsten Abenteuer, indem sie Steine aus der Emme fischt und ihre süsse rosarote Nase in den Wind hält. Ich ziehe meine Schuhe aus (lasse die Schleppleine hängen – 15 Meter reine Sicherheitsmassnahme, mein Inspektor Gadget Arm, sozusagen), baue aus Steinen Türme und Blätter-Mandalas und bin tiefenentspannt…
Genau… wie aus dem Nichts rennt Snow davon, durch das Wasser, über die Steine in Richtung Wald.
Whaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaat!
Rufen, keine Chance – sie hört ja nichts! Panik, denn hinter dem Wald kommt die Strasse – irgendwann – und ich weiss ja nicht, was Snow vorhat. Und da wir draussen alles andere wie aufeinander abgestimmt sind und sie sich wenig bis gar nie zu mir umdreht, bleibt nur noch Rennen. Die Schleppleine ist ausser Reichweite, ich renne barfuss hinterher, blende aus, dass diese Steine keine Wohlfühlsteine sind und hoffe einfach nur darauf, dass sie irgendwann doch noch stehen bleibt und an mich denkt – Wünschen kostet ja nichts.
Snow rennt, ich renne, Snow rennt weiter, ich hinterher. Nach gefühlten Minuten erreiche ich meinen verlängerten Inspektor Gadget Arm, hechte mich drauf und zack Snow bleibt stehen (ja, sie kann ja nicht mehr anders). Sie schaut mich mit ihren grossen blauen Augen, ganz nach dem Motto «was ist denn bitte dein Thema gerade…» an und senkt ihren Kopf, schnüffelt mit ihrer Rosa-Schweinchen-Nase an einem Grashalm und motiviert mich wieder zurück zum Wasser zu gehen.

Klitschnass 
Tschou-Tschüss 
Die Stille in der Welt 
Team Snow
Die Schmerzen an den Füssen erinnern mich an den hingelegten Sprint und ich denke mir nur «wart nume du fräche Zwerg» aber was soll ich ihr den Böse sein, sie und ihre Welt, ihre Nase, ihr Leben…, ihr Kiosk hatte wohl für den einen Moment in ihrer Welt geschlossen gehabt und sie musste dringend weg. So balancieren wir gemeinsam zurück zum Wasser, meinen liegengebliebenen Schuhen, mit den durchnässten Hosen aber voller Erleichterung, dass ich Snow wiederhabe – nichts passiert ist und wir weiterlernen dürfen.
Sich mit einem Tauben Hund in der Welt bewegen zu können ist nicht weiter anspruchsvoll, einen Tauben Hund an der Welt teilhaben zu lassen ist eine interessante und schöne Herausforderung, welche wir uns beide auf die Stirn geschrieben haben – als Team, als Freunde.
Dieser Selbstversuch hat mir einiges aufgezeigt, nichts zu hören ist nicht nur negativ, es gibt einem die Möglichkeit sich zurückziehen zu können, zu entspannen und abzutauchen. Meine Aufgabe ist in erster Linie für Snow draussen das Gehör zu sein, damit sie sich weiterhin in ihrer Welt frei bewegen kann und die Sicherheit gewährleistet ist. Lernt sie sich an mir zu orientieren, wird ihrer Freiheit in dieser Welt nichts mehr im Wege stehen.
Der Pamir liegt neben mir auf dem Schreibtisch, ich werde ihn von nun an öfter verwenden, die Stille tut gut.
Randnotiz: Versucht es aus, begebt euch für einmal auf einen unbekannten Weg, raus aus der Komfortzone, zuhören, ohne Sinnesorgan und dann feststellen, dass wir viel mehr hören, als wir eigentlich hören – es lohnt sich. Die Welt hat Winkel, Perspektiven und sie ist dazu da, neues zu lernen, neues zu entdecken. Stillstand bedeutet Rückschritt.
Team Snow



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