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Möwe

Trauer ist kein Gefühl

  • Autorenbild: Prisca Santschi
    Prisca Santschi
  • 30. Mai
  • 3 Min. Lesezeit

Ich kann nicht in Worte fassen, welche die Leere füllen würde. Ich kann nicht beschreiben, wie oft die Flashbacks mich von der Realität abhalten und ich weiss auch nicht, wie der Weg in diese Normalität zurück funktioniert.


Fast täglich stellt sich mir die Frage, was ist der Sinn dieser Übergangsphase, dieser Trauerphase. Ist es das nicht loslassen wollen einer Physischen Geschichte, ist es eine Sicherheit, die wir uns zurechtgelegt haben, ist es die Routine, die wegfällt, ist es die Endgültigkeit, das Wissen, dass es wirklich vorbei ist – das Ende, es ist und bleibt definitiv und endgültig. Was ist diese Trauer, was vermissen wir, dass uns innerlich so viele Schmerzhafte Momente beschert und uns das Gefühl von «ertrinken» gibt.


Trauer ist kein Gefühl! Trauer ist ein Gedanke, ein Moment, ein Lied, eine Situation, ein Erlebnis, ein Foto, eine Erinnerung. Wir geben dem ganzen erst Tiefe, indem wir den Gedanken, den Moment, dem Lied, der Situation, dem Erlebnis ein Gefühl mitgeben. Wir fühlen, weil wir denken, oder denken wir, dass wir fühlen.


Miss you, my soul...

Ein Beispiel, was mich immer wieder daran erinnert, dass wir eigentlich nichts fühlen. Lass dir ein Foto zeigen, stumm und leise. Keine Worte, keine Inhalte, nur das pure Bild. Was macht es mit dir? Du suchst unweigerlich nach einer Verbindung in dir, dein Körper zeigt eine Reaktion. Dieser Reaktion hat man das Wort Gefühl mitgegeben, so entsteht also ein Gefühl.


Gibt mir die Person, welche mir das Bild gezeigt hat, dann auch noch weitere Informationen dazu, stärkt sich das Gefühl zu diesem Bild, es verbindet sich mit mir, auch wenn ich nie Teil dieser Aufnahme gewesen bin. Und so entsteht wohl auch Trauer.


Ich erinnere mich an jeden Moment, aus dem ein Bild entstanden ist, und nun ist dieses Wesen, welches mit mir zusammen Teil des Bildes gewesen ist, nicht mehr da, es werden keine neuen Erinnerungen, Gefühle, Momente geschaffen, es wird keine neuen Bilder geben, es ist vorbei. Heisst es also, dass Abschied nehmen von Momenten bereits Trauer auslöst?


Ich war gestern mit dem SUP, das erste Mal seit der Seebestattung von Nacho, draussen auf dem See. Kein leichter Moment, ich erinnere mich gut an die Zeiten davor, denn die Schritte ins Wasser haben sich damals immer irgendwie leicht und schwebend angefühlt. Gestern kam es mir vor, als würden meine Füsse aus Blei bestehen, es hatte kein Wind und doch war das Paddeln anstrengend – die Leichtigkeit des Wassers hat sich bleiern angefühlt, als ob mich kaugummiartige Arme zurückhalten würden, als ob es falsch war, was ich tat. Ein Gedanke – oder das Gefühl?


Halo, ein Wunder der Natur

In meiner Art zu Sein, ist ein Gefühl ein Ausdruck von Verbundenheit mit der Welt. Ich musste lernen, mich gedanklich zu verbinden, damit das Leben auf diesem Planeten einen Sinn ergibt.


Ich lerne, dass die Worte, welche gewählt werden, um einen Satz bilden zu können, bei den Mitmenschen einen tieferen Sinn haben, sie wählen also bewusst Wörter aus – es sind keine Zufälle. Und je nach Wahl des Satzes oder der Wörter, legen sie Ausdruck mit hinein, dieser Ausdruck entsteht aus einem Gefühl.


So zumindest meine Beobachtungen. So wähle mit bedacht die Antwort, welche du weitergibst, denn diese löst wieder etwas aus und so verbinden wir uns miteinander im Gefühl. Schwierig, ich schweife ab.



Die Leere ist also ein Gefühl. Ich fühle mich leer, weil die Verbindung unterbrochen ist. Was mich an der Geschichte aber am meisten freut, ist, dass ich Gefühle erlernen kann, denn sie geben mir die Möglichkeit mich ausdrücken zu können, damit ein Verständnis im miteinander entsteht.


Ich kann ein Teil sein von etwas, was nicht tiefer ergründet worden ist. In meiner Welt ist es oft nicht immer bunt, es gibt nicht diese Achterbahnfahrten der Gefühle, es ist eher monoton, lautlos, nicht tot, aber viel gleichmässiger verteilt, vorhersehbar. Meine Art zu trauern ist in den Worten wiederzufinden, die ich, ganz leise und verbunden mit mir teile.


du fehlst!

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