• Prisca Santschi

Heute weiss ich es besser!

Früher habe ich mit Kinderaugen den Sternenhimmel betrachtet und mir vorgestellt, dass jemand ein Leintuch über die Erde gelegt hat, so dass es Dunkel werden konnte, nur hatte dieses Leintuch Löcher und so ist der Sternenhimmel entstanden.


Heute weiss ich es besser…


Früher habe ich geglaubt, dass am Ende jedes Regenbogens ein wertvoller Schatz begraben liegt und ich ihn finden würde, wenn ich das Ende des Regenbogens finde.


Heute weiss ich es besser…


Früher habe ich geglaubt, dass alle Menschen in den Himmel kommen, man sich wieder treffen wird und sich in die Arme schliessen kann. Dass es keine Sprachbarrieren oder Glaubenskriege mehr gibt, wenn alle im Himmel sind.


Heute weiss ich es besser…


Früher habe ich geglaubt, dass man mit Steinen bezahlen kann, dass ich einfach ein paar Kieselsteine in die Hand nehme, im Supermarkt ein Eis hole und der Kassiererin meine Steine hinlege.


Heute weiss ich es besser…


Früher habe ich geglaubt, dass der Osterhase dafür verantwortlich ist, dass ich an Ostern ganz viele Schoggi-Eier im Garten finde.


Heute weiss ich es besser…


Früher habe ich geglaubt, dass der Weihnachtsmann mir viele Geschenke unter den Baum legen wird, wenn ich artig bin und ein "Gedicht" auswendig konnte. Mir war auch bewusst, dass wenn ich nicht lieb und nett gewesen bin, mich der Gehilfe (Schmutzli) vom Weihnachtsmann dafür mit seiner Rute bestrafen würde.


Heute weiss ich es besser…


Früher habe ich geglaubt, dass die Menschen in den Filmen ganz viele verschiedene Sprachen sprechen, da auf verschiedenen Kanälen derselbe Film ausgestrahlt wurde, es aber immer dieselben Schauspieler waren.


Heute weiss ich es besser…


Früher habe ich geglaubt, dass die Kühe uns ihre Milch gerne abgeben, weil sie nach dem Gras fressen, froh darüber sind, wenn wir ihnen helfen, dass ihre Euter leichter werden. Dass die Hühner wegen uns Eier legen und darin kein Lebewesen sich befindet.


Heute weiss ich es besser…


Früher habe ich geglaubt, dass Pipi Langstrumpf der stärkste Mensch auf der Welt und unsterblich ist.


Heute weiss ich es besser…


Früher habe ich an Wunder geglaubt, an Frieden, an Liebe, an Unendlichkeit, an Leichtigkeit…


Heute weiss ich es besser!


Früher, ja früher war definitiv alles besser! Wenn ich nachdenke, dass man mir als Kind die Welt mit anderen Augen gezeigt hat, dann bin ich auf der einen Seite unendlich dankbar darüber, dass ich es sehen durfte, aber ich bin auch verwirrt und wütend, weil das alles nicht der Wahrheit entsprochen hat.


Was mache ich denn nun mit den Erinnerungen an eine schöne Zeit? An eine Zeit in der meine Welt noch von Träumen und Wünschen bestimmt worden sind. Heute weiss ich, dass es weder Weihnachtsmänner noch Osterhasen oder Leintücher gibt. Heute weiss ich, dass ich die Verstorbenen nicht mehr in meine Arme schliessen kann, dass es den Tieren nicht gut geht, mit und um uns und dass meine Wünsche und Träume sich niemals nie erfüllen werden.


Was lerne ich denn nun den Kindern da draussen? Soll ich sie mit Lügen gross werden lassen, soll ich ihnen eine Welt zeigen, die gar nicht der Wahrheit entspricht. Soll ich sie an ihren Fantasien arbeiten lassen, um sie dann am Ende vor Vollendete Tatsachen zu stellen um ihnen sagen zu müssen „sorry, ihr müsst nun Erwachsen sein…“


Ich wollte nie Erwachsen sein, trällert es gerade in meinem Kopf… (https://www.youtube.com/watch?v=sedjBavQYJ8)

  • Sei doch nicht so kindisch!

  • Wirst du auch mal Erwachsen!

  • Früher war eben früher heute ist es halt anders!

Wie oft höre ich sowas.


Wenn ich mit meinem Patenkind spiele, darf ich mit ihr zusammen in diese Zauberwelt abtauchen, ich darf wieder Kind sein, Kinderaugen haben, ich darf einfach mitspielen, so tun, als ob man mit Steinen bezahlen kann, essen was der Boden hergibt und mich wohl fühlen, wenn ich in einem wunderschönen kleinen Holzhaus sitze und aus den viel zu kleinen Fenstern hinausblicke. Ich darf lachen, tanzen, Wasserspiele spielen und den ganzen Tag lang Barfuss sein. Ich darf mir Essen ins Gesicht schmieren, darf auch mal wütend oder störrisch sein, ich werde in die Arme genommen, es wird mir ein „Alles wird gut“ mitgegeben und schon sind die Tränen getrocknet und die Spiele können weitergehen.


Ich darf Kind sein, weil ich mich in die Welt zurück Beamen darf – denn da ist ja ein Kind in meiner Nähe, also ist es erlaubt. Aber was wenn ich als Erwachsene das Bedürfnis habe Barfuss durch einen Laden zu gehen, tanze oder laut lache, wenn ich weine oder wütend mit beiden Beinen auf den Boden stampfe – was wenn ich mit Essensresten im Gesicht dastehe, dann werde ich angeschaut, als wäre ich nicht passend genug, für die Gesellschaft, nicht fähig dem gerecht zu werden was verlangt wird – oder ich bin mit 300kmh durch die Kinderstube gerast.


Irgendwas ist immer, irgendwie unpassend…


Schaue ich einem Kind zu, wie es in seiner eigenen Welt lebt, glücklich und zufrieden ist – mit sich, bei sich, für sich. Dann schauen wir zu und denken „wie schön, sie brauchen das, die Kinder, ihre eigene Welt, ihre Fantasien, ihre Gedanken…“

Aber mal ganz ehrlich was ist mit dir, oder dir, oder dir?

Wann mussten wir diese Welt verlassen, wer hat uns dazu gezwungen. Warum dürfen wir nicht mehr Kind sein, den Weihnachtsmann mit grossen Augen anschauen uns darüber freuen, wenn er uns was Positives sagt. Warum lehnen wir es ab sich auch mal „kindisch“ zu benehmen. Warum spritzen wir nicht einfach wie Kinder mit dem Brunnenwasser rum, wenn uns danach ist. Warum tanzen wir nicht mehr im Regen oder geniessen das Pfützen springen, bis wir auf die Unterhosen nass sind. Warum suchen wir für alles einen Grund, warum lieben wir nicht einfach das was wir tun wollen, ohne Rücksicht darauf, ob es mit dem Alter noch aufgeht.


Ich bin mir sicher, dass jeder von uns tief in sich dieses Kind geblieben ist, es irgendwo schlummert, manchmal möchte es raus, es macht sich bemerkbar, dann gibt es Momente, wo wir es einfach tun, uns aber umsehen, ob es auch ja keiner gesehen hat. Oder man wird darauf angesprochen, dass man sich doch bitte dem Alter entsprechend benehmen soll. Vielleicht sollte jeder da draussen etwas weniger Erwachsen sein und nicht mit dem Finger auf andere zeigen – tanzt, singt, springt, lacht, weint – ich bin mir sicher, die Welt würde für einen Augenblick zu einem besseren Ort.


Heute weiss ich es besser…


Ja, ich dachte zu oft und viel zu lange, dass am Ende alles gut wird und wenn es nicht gut ist, dann wird es noch nicht das Ende sein. Heute bin ich gezwungen eine angepasste Version von mir zu sein, sein zu müssen – wenn ich gehört oder akzeptiert werden will, dann muss ich das Kind verlassen, muss gegen die inneren Stimmen, die inneren Bedürfnisse ankämpfen, muss meine Alice im Wunderland auf „später“ vertrösten.


Man schenkt mir bei Geburt eine bunte Blumenwiese, jedes Jahr am Geburtstag reisst man eine bunte Blume aus, sie wächst nicht mehr nach. Am Ende ist nichts mehr übrig, der Rasen ist bis auf den letzten Zentimeter runtergemäht, alles was bleibt sind Erinnerungen, Erinnerungen an eine Zeit, die niemals wieder zurückkommt.

Heute frage ich mich, warum wir es nicht besser machen.


Wir wissen doch, wir haben es alle erlebt, warum geben wir das auf, was uns am Ende wirklich glücklich gemacht hat?


Warum verfolgen wir Ziele, welche uns nur brechen, warum Leben wir die Kopie von dem was wir besser könnten?


Warum bewahren wir uns nicht diese bunte Blumenwiese auf, warum zerstören wir, was wir lieben? Und warum lassen wir die Kinder mit dem Glauben gross werden, dass alles was da draussen kommt, ein grosses Wunderland ist. Es ist ein Wunderland, ja, aber eben nicht dieses Wunderland, welches wir in die Wiege gelegt bekommen haben, dieses eine mit den buntesten Blumen, den schönsten Schmetterlingen, der stärksten Pipi, dem Weihnachtsmann, dem Osterhasen, dem Regenbogen, Sternenhimmel, Wünsche, Hoffnungen, Freude…


Ich schaue in diese Kinderaugen, welche mich anschauen und unterdrücke die Schmach, dass ich ihnen nach all den Jahren immer noch keine bessere Antwort geben kann, als die eine „geniesse es Kind zu sein, die Realität kommt schneller als du denkst.“ Ich drehe mich weg, wische mir eine Träne aus dem Gesicht und wieder stirbt eine bunte Blume in mir, welche nicht wieder nachwachsen wird.


In dem Sinne Die, die mit dem inneren Kinde Blumen pflückt…


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