• Prisca Santschi

Habt Spass & bleibt bunt!

37654 Wörter später!

Jedes geschrieben Wort lässt mich älter werden. Die Tage, die Wochen, die Monate und all die Jahre vergehen. Das Leben zieht an mir vorbei.


Erlebtes schmelzt zu einer Erinnerung, die Erinnerung schenkt mir nach, sie erinnert mich eben genau an das erlebte und der Wein scheint irgendwie runder zu schmecken, jeder Schluck, der in mich eindringt lässt erahnen, wie es mit dem Leben weitergehen wird.



Das Leben wird irgendwann nur noch aus Erinnerungen bestehen, es verschwindet, weil man sich nicht mehr erinnert. Was ist es denn nun? Das Leben was man leben soll oder das darauf warten, alles Gelebte zu vergessen, sich nicht mehr erinnern zu können?


Welches ist denn nun der Wert hier zu sein?

Mir wurden Kinderaugen geschenkt, ich habe die Welt mit Kinderaugen gesehen, ich durfte alles und musste nichts. Die Farben haben sich angefühlt wie Regenbogeneis, alles war schmackhaft. Ich habe im Hier und Jetzt gelebt und mich darin in Prinzessinnen und Prinzen verwandelt, ich habe Luftschlösser gebaut, gesungen, getanzt und die Welt als grosse Wolke wahrgenommen. Ich habe in grossen, farbigen Blumenwiesen gelegen, die Wolkenbilder als Tierpark gesehen und meine Tagträume haben mich in der Nacht bezaubernd schlafen lassen.


Als Teenager musste ich meine Kinderaugen langsam abgeben. Die Farben verwandelten sich in Pastellähnliche Farbtöne. Blumenwiesen machen Flecken und bringen Dreck nach Hause. Vom Boden essen ist nicht mehr niedlich und Eis fühlte sich nicht mehr so lecker an wie damals. Die Erinnerungen bildeten sich, ich lebte noch immer auf derselben Welt, aber sie schien weniger intensiv zu sein.


Ich musste meinen Blick in eine andere Richtung leiten, denn man wollte nicht mehr alles durchgehen lassen, was ich gerade machen wollte. Regeln wurden aufgestellt und so lernte ich mit Gabel und Messer zu essen. Bilder malen ist ok, aber bitte nicht mehr hier oder da. Tanzen und singen am besten in deinem Zimmer, bei einer Lautstärke welche die Nachbarn sich nicht gestört fühlten. Und am Ende musste ich die Tagträume durch finstere Gedanken in der Nacht eintauschen. Die Welt dreht sich weiter, das Umfeld bleibt bestehen, aber irgendwie schaffte das gelernte es nicht mehr weiter als bis zum Tor der Erinnerung.


Erinnerungen werden erschaffen, um sich an das zu erinnern was wir nicht mehr dürfen? Oder schaffen wir Erinnerungen, um uns an das zu erinnern was wir wieder tun sollten?

So werden wir älter, geben immer mehr von all dem ab was uns früher so glücklich machte. Wir haben im Regen getanzt, jede noch so kleine Pfütze als Grund zum lachen genommen. Wir haben Bilder gemalt, welche jeden Tag neue Gesichter hatten und die Fantasien waren grenzenlos. Wir haben schiefe Töne gesungen, wir haben gelacht, wenn andere gelacht haben. Motivieren musste man uns nicht, denn wenn der Tag am Morgen ins Zimmer schien, waren wir voller Vorfreude auf das was kommt. Es gab noch keine Wochentage oder Uhrzeiten, wir haben einfach im Hier und Jetzt gelebt.


Heute erinnern wir uns an eine unbeschwerte Zeit und seufzen «Hach, so Kind sein ist doch schon was Schönes…» aber keiner hat sich auch wirklich dafür wieder einzukehren, sich wieder in diese Welt zu begeben – lachen, tanzen, bunt sein, freudig sein, lieben, hinfallen, aufstehen, losrennen und einfach nur leben! Abends müde ins Bett fallen, weil der Tag voller Begeisterung zu Ende ging.


Die Erinnerungen verschwinden – wir verschwinden!

Wir können nicht dahin zurück, weil wir es verlernt haben, wir können nicht dahin zurück weil wir es nicht wollen. Wir sind zu Pflichtbewussten Robotern geworden, gehen einer Tätigkeit nach, welche oftmals nicht die Frage nach dem Sinn beantwortet. Wir rackern uns ab und fallen abends müde aufs Sofa, um uns Ruhe zu gönnen, Kraft schöpfen zu können, um am darauffolgenden Tag wieder pflichtbewusst dem nachzugehen was wir eigentlich gar nicht wollen.


Wir sind weit weg von Kinderaugen, weit weg vom Leben, weit weg von bunten Farbstiften und Regenbogen Eis. Die Tagträume wandeln sich zu Albträumen und statt im hier und jetzt zu leben verschieben wir es lieber auf Morgen oder besser noch aufs Wochenende. Wir werden gemassregelt, wenn wir lauter Lachen als es die anderen gerade aushalten, wir sollen nicht mehr im Regen tanzen und bunte Blumenwiesen sind nicht gut, wenn man an Intoleranzen leidet.


38375 Wörter später – meine Erkenntnis wächst, es macht es gerade nicht leichter, der einzige Trost ist nun darauf zu warten so alt zu werden, dass die Erinnerung mich wieder zum Kinde werden lässt, zurück auf Anfang. Nochmal bunte Bilder malen, nochmal im Regen tanzen, noch einmal so laut lachen bis der Bauch schmerzt. Aber warum damit warten, lasst uns einfach wieder das sein, was wir sein durften als wir noch keine Erinnerungen hatten.


LEBENDIG

Ich schreibe heute einen etwas anderen Blogbeitrag, weil mich das Leben traurig macht. Weil mich das was rund um mich passiert Ohnmächtig macht und weil ich nicht weiss, was ich auch noch dazu schreiben sollte, was alle anderen neben mir schon getan haben. So will ich wieder Kind sein, farbig sein, lachen und fröhlich den Tag beginnen.


Ich kann nicht ändern was andere kaputt machen, aber ich kann dahin zurück, wo es noch Frieden gab, wo es noch keinen Unterschied machte, ob jemand eine andere Hautfarbe hat, eine andere Sprache spricht oder einer anderen Glaubensrichtung angehört. Ich will wieder dahin zurück wo meine Bunten Farbstifte noch intensive Farben malten, wo mein Regenbogeneis noch Hoffnungen hatte, dass am Ende jedes Regenbogens ein grosser Schatz versteckt ist.


Ich will dahin zurück wo jedes Kind auf dieser Welt einmal begonnen hat - ohne Erinnerungen - neu, frisch und frech!

Und wenn wir alle dahin zurück gehen, dann schaffen wir wieder mehr Leben und weniger Erinnerungen.


Wikipedia meinte auf meine Frage: Erinnerungen stammen aus dem sequenziellen Langzeitgedächtnis, dem episodischen Gedächtnis. Sie sind dort in komprimierter Form enthalten und müssen zur Aktivierung aufbereitet werden. Je nach Art der Erinnerung ist dies mit beinahe als fotografisch empfundener Schärfe möglich, oder man kann sich nur noch vage erinnern.


Lebt, denn ihr könnt nichts davon mitnehmen, egal wohin die Reise geht, also habt Spass & bleibt bunt.

The Glacier


PS: The Glacier = auch er schmelzt sich von dannen ;)

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