• Prisca Santschi

All unsere Sünden

Das Leben zu lieben, dennoch unfähig zu sein es zu nehmen, wie es ist.


Werden wir jemals lernen, werden wir jemals Frieden kennen, bevor all unsere Sünden uns in die Tiefe ziehen. Dunkle Wolken ziehen sich zusammen, um die Sonne zu blockieren...


Das Leben zu lieben, dennoch unfähig zu sein es zu nehmen, wie es ist. Als Asperger auf dieser Welt klarzukommen ist eine Herausforderung, welcher ich mir nicht bewusst gewesen bin, als ich das Licht der Welt erblickte. Immer neue Eindrücke im Gehirn verarbeiten zu müssen, nicht zu wissen, wo diese einzuordnen sind, macht es nicht gerade einfacher. Verstehen zu wollen, nicht verstehen zu können, weil die Grenzen vorhanden sind, ich kann nicht über diese Grenzen hinaus, weil es eben nicht die Möglichkeit gibt sie zu erweitern. Ich kann also «nur» mit dem Werkzeug arbeiten, welches mir in die Wiege gelegt worden ist. So kann ich aus einem Schraubenzieher nicht einfach einen rosaroten Elefanten zaubern, oder gar ein tanzendes Einhorn. Ein Schraubenzieher bleibt ein Schraubenzieher.

Ich habe mir in all den Jahren zwar einen schönen Apothekenschrank in mein Hirn gebaut, welcher tausende von Schubladen hat, die einen sind, farbig, die anderen einfach grau in grau. Er dient mir dazu meine Eindrücke in einem geordneten System abzuarbeiten – es hilft mir alles was in mich eindringt abzuarbeiten, klar, die Schubladen füllen sich bis obenhin, zumindest die farbigen, welche Emotionen auslösen sollten (zumindest denke ich, vermitteln die Zweibeiner da draussen sowas) aber ich kann sie verpacken, in diese farbigen Schubladen, welche ich schliessen kann, um mich fürs erste nicht mehr damit befassen zu müssen.


Der Schraubenzieher hilft mir also dabei Ordnung in das angerichtete Chaos da draussen zu bringen. So versuche ich mich in diesem Leben zurecht zu finden. Ich versuche zu verstehen, zu verstehen was es bedeuten würde, einer von euch zu sein. Ich versuche zu finden, was ich nicht selbst sehen kann. Sich anzupassen, an eine Gesellschaft, welche nicht gewillt ist, sich auch nur einen kleinen Schritt auf mich zu zu bewegen ist irgendwie krank.


Warum will ich euch verstehen, warum will ich Antworten finden, welche mir am Ende nichts bringen? Warum kann ich mich nicht einfach in meine Welt zurückziehen, welche mir Frieden gibt, welche mir Ruhe gönnt, welche mich sein lässt, wie ich bin – weil ihr uns nicht in Ruhe lässt! So ziehen sich also die Wolken jeden Tag vor mir zusammen, verdecken die meine Welt, um mir immer und immer wieder zu signalisieren was ich nicht sein darf. Ich werde die Sonne nicht sehen können, wenn ich mich nicht anpassen kann, ich werde also immer einen grossen Teil von mir auf die Seite schieben müssen, nur um die Sonne sehen zu dürfen?!


Ich frage mich zwar jeden Tag, warum ich nicht einfach so wie ihr sein kann, einer von euch, auch wenn es mich ekelt daran zu denken, wie es sich anfühlen muss einer von euch zu sein, so voller Hass, so voller Macht, so voller Sünden, so voller Blut an euren Händen. Die Masse entscheidet, was geht und was nicht geht. Ich möchte einfach nur die Sonne sehen, ohne so zu sein wie ihr, ich möchte einfach nur Teil sein von dieser Welt, welche nicht uns gehört, ich möchte mich nicht jeden Tag durch eure Gedanken lesen müssen, nur um am Ende die Antworten liefern zu können, welche ihr haben wollt.


Mein Apothekerschrank und ich sind in all den Jahren gute und sichere Freunde geworden. Taktiken zu entwickeln, um am Leben teilnehmen zu können hat mir gezeigt, dass die Intelligenten Gestalten nicht diejenigen sind, die sich mit dem Aufblasbaren Einhorn auf der Aare treiben lassen, es sind auch nicht die, die Emotional handeln oder reagieren, denn jede Emotion beinhaltet eine Überreaktion welches Schmerzhaftes zur Folge hat, Dinge, die nicht wieder rückgängig zu machen sind. Gesagtes ist gesagt, es kann sich nicht wieder zurückziehen, es hat bereits Blut an den Händen und das Gegenüber ist verwundet und kann sich nicht mehr Gesund machen.


So ist mir klar geworden, dass Emotionen zwar auf den ersten Blick Bunt sind und sich alle Menschen darauf stürzen, tanzend, singend, hüpfend - weil Buntes wohl was «wohliges» auslöst – auf den zweiten Blick aber diese Menschen sich mit der Zeit vom Bunten wegbewegen wollen, dies aber schleppend, geknebelt, gefoltert, getrieben oder weinend tun. Sie versuchen entstandene Wunden zu heilen, sie versuchen sich davon zu distanzieren, wollen nicht wieder dahin zurück, wo sie mal waren, und scheinen «starrer» zu werden. Sie distanzieren sich weg vom farbigen und werden farbenloser, es scheint, als ob sie Sodom und Gomorrha begegnet sind und das Augenlicht für einen Augenblick verloren haben. Warum wollen also alle farbig sein, warum wollen also alle nach etwas streben was am Ende doch keinen Sinn ergeben hat und nur Schmerzen verursacht?


Warum also Dinge farbig machen, wenn die Farben uns Unglück bringen? Wäre es nicht sinnvoller sich den Menschen anzupassen, welche von Natur aus bereits wissen, dass Emotionen eine Ebene beinhalten welche Schmerzen verursachen? Wäre es nicht besser wir lernen laufen, bevor wir rennen? So quillen meine farbigen Schubladen über, weil ich nicht verstehe, warum ich euch verstehen soll, weil ich nicht nachvollziehen kann, dass man sich verrennen kann, in Dingen, welche am Ende die Versteinerung zur Folge hat?


Werden wir jemals lernen, wollen wir jemals lernen? Werden wir jemals Frieden erfahren, bevor uns alle unsere Sünden in die Tiefe ziehen. Ihr denkt ich habe dunkle Gedanken, seid ihr sicher, dass meine Gedanken dunkel sind, oder habt ihr nicht verstanden, dass die Trennung meiner Nabelschnur die Aufgabe euch verstehen zu müssen zur Folge hatte…


Ich will lernen achtsam zu sein, mit mir ganz allein. Ohne Bäume umarmen zu müssen, ohne Yogakurse bis zur Ekstase zu besuchen. Ich werde die kommenden Tage meine Schubladen von all den Farben befreien, weil am Ende, das ich im Vordergrund stehen soll. Ich werden Feenzauber über eure Häupter streuen und mich kaputtlachen, wenn ihr gekrümmt von euren Findungskursen zurückkommt – denn finden kann sich nur, wer danach sucht was oder wer er wirklich ist und nicht den anderen Vorschreibt was sie zu sein haben.

Bear all my thoughts and wishes - To sacred places I'd reside - Where hope is born, where hope survives…

Ich habe viele Jahre nicht gewusst was mit mir anders ist wie mit euch. Ich habe darunter gelitten, viele Umwege machen müssen, weil ich mich nicht anpassen konnte. Bestrafungen hingenommen, auch wenn ich sie nicht verstehen konnte. Ich habe in einer Welt gelebt, welche nicht verstehen wollte, warum mein Einhorn nicht die Aare runter cruisen will, warum ich nicht farbig und nett sein wollte, heute weiss ich, dass ich immer damit zu kämpfen haben werde, mich Menschen verurteilen, wenn sie mich nicht kennen – aber ich kann darüberstehen, weil ihr am Ende auf mich zukommen werdet, spätestens dann, wenn die Farben euch zu Emotionalen Wracks gemacht haben.

In dem Sinne, wie immer, springt soweit und so hoch ihr könnt, die Landung wird am Ende entscheidend fürs Überleben sein.


Die mit dem Schraubenzieher tanzt

The End!

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